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Hinter den Schleiern: Die drei Malas und unser Weg zu innerer Leichtigkeit

  • Autorenbild: Jolijn van Oers
    Jolijn van Oers
  • 5. März
  • 4 Min. Lesezeit


Es war einmal ein kleiner Junge. Er wohnte auf dem Land, auf einem schönen Hof, wo er den ganzen Tag draußen sein konnte. An einem Tag spielte er zusammen mit seinem großen Bruder. Der Große wollte Obst im Obstgarten pflücken. Der Junge war aber zu klein, um auf die Bäume zu klettern. Er durfte stattdessen die heruntergefallenen Früchte einsammeln. Sein Bruder bat ihn, nichts davon zu essen, damit sie sich die Beute nachher fair teilen könnten. Der kleine Junge konnte sich jedoch nicht zurückhalten und verspeiste die mit Matsch verschmutzten Früchte direkt vom Boden. Wütend rannte der Große zur Mutter und verpetzte sein Brüderlein: „Der hat die dreckigen Früchte einfach alleine aufgegessen!“ Mama war wenig überrascht, da der kleine Junge immer etwas anstellte, und mit einem Seufzer rief sie ihn zu sich. „Hat dein Bruder recht? Hast du das eingedreckte Obst gegessen?“ Das Gesicht des Jungen war tatsächlich mit Matsch eingeschmiert, sein Mund noch voller Fruchtfleisch, aber der Junge verneinte die Geschichte. Seine Mutter befahl ihm, den Mund zu öffnen und als sie hineinschaute, sah sie dort kein Obst, keinen Matsch … aber das ganze Universum. Sie staunte und war so vom Gesehenen überwältigt, dass sie in Ohnmacht fiel. Als sie aufwachte, wusste sie nicht mehr, was passiert war. Sie nahm ihren Sohn auf den Schoß, drückte ihn fest zu sich und weinte Tränen der Glückseligkeit – ohne jemals zu wissen, warum.


Der kleine Junge in dieser Geschichte war Krishna. Der Gott, der als Kind zur Erde geschickt wurde, um inmitten der Menschen aufzuwachsen. Seine Mutter, Yashoda, konnte ihn nur wirklich als Sohn annehmen und ihn genauso wie seinen Bruder erziehen, indem sie vergisst, wer er in Wirklichkeit ist.


Diese Geschichte bezieht sich auf jeden von uns. Auch wir sind alle aus derselben göttlichen Energie erschaffen, müssen dies aber vergessen, damit wir am alltäglichen Leben teilhaben können. Obwohl diese Illusion des Alltags ihren Zweck hat, kann sie uns als Nebenwirkung viel Leid bringen. In der tantrischen Philosophie sehen wir das in den Malas – drei Wahrheitstrübungen, die uns vergessen lassen, wer wir wirklich sind.


Die Malas im Fokus

Das Sanskrit-Wort Mala bedeutet so etwas wie Verunreinigung (nicht zu verwechseln mit der Gebetskette Mālā – mit langen Vokalen). Es ist sozusagen der Dreck, den wir uns über die Augen reiben, wodurch wir die wahre Realität nicht erkennen.

Obwohl wir den Mala-Dreck nicht unbedingt wegputzen müssen – er hat ja seinen Zweck –, wäre es schön, wenn wir uns von dem aus den Malas resultierenden Leid befreien könnten. Den Malas entstammen nämlich drei falsche Glaubenssätze, die sich in vielen von uns ganz tief verwurzelt haben und Sorgen in uns auslösen.


Anava Mala – der Irrglauben des kleinen Ichs

Anava Mala lässt uns glauben, dass wir klein und unvollkommen sind. Als das große, absolute Bewusstsein, aus dem das gesamte Universum stammt, sich in die unterschiedlichen Materien und Seelen teilte, haben diese „kleinen Seelen“ ihre Herkunft und die Verbindung zum All vergessen. Weil wir nur unser kleines Ich (das „Ego“) sehen können, entsteht ein Gefühl, dass uns etwas fehlt. Dass wir klein, unbedeutend und nicht gut genug sind. Dies führt zu einer tief verwurzelten Unsicherheit und mangelndem Selbstwertgefühl.


Mayiya Mala – der Irrglauben der Einsamkeit

Das zweite Mala, Mayiya Mala, baut auf dem ersten auf. Dieses Mala lässt uns glauben, dass wir alle einzeln und alleine auf der Welt sind. Wir haben vergessen, dass wir mit allem und jedem verbunden sind, dass alles eins ist. Dieser Glaubenssatz führt zu Gefühlen von Einsamkeit, löst aber auch Gedanken aus wie „Ich gegen dich“ oder „Wir gegen die anderen“. Hier entstehen nicht nur Vereinsamung und Eifersucht, sondern auch Konflikte bis hin zum Krieg.


Karma Mala – der Irrglauben der Handlungsunfähigkeit

Karma Mala resultiert ebenfalls aus den ersten beiden Malas. Aus einem Gefühl von Mangel und Selbstinteresse heraus handelt das Ego: Es strebt materielle Erfolge an, handelt für sich. Karma Mala umfasst auch den Glaubenssatz, dass wir als kleine, einsame Wesen überhaupt immer ins Tun kommen müssen, anstatt das Leben sich entfalten zu lassen. Aus Angst und Mangel löst Karma Mala Gedanken aus wie „Ich kann das nicht“ oder „Ich muss mehr schaffen“.


Mit Yoga zurück zur Leichtigkeit

Die Malas und ihre einschränkenden Glaubenssätze richtig zu durchschauen ist nicht einfach. Sie sind so tief in uns verankert, dass wir immer wieder in ihre Illusion zurückgleiten. Doch: Schon das Bewusstsein dafür, dass es diese Wahrheitstrübungen gibt und wie sie unsere Gedanken und Gefühle prägen, kann uns dabei helfen, ihren Würgegriff auf unsere Selbstwahrnehmung zu lockern.

Deine Yogapraxis kann dir helfen, unter den Schleier der Illusion zu blicken und immer wieder einen Schimmer deines wahren Selbst zu erfahren. Damit du, wie die Mutter Yashoda, die Momente der Verbindung und Glückseligkeit wieder spüren und auskosten kannst.


Praxis-Übung: Bhumisparsha Mudra – atme mit allem

·         Finde einen bequemen, aufrechten Sitz.

·         Lege eine Hand aufs Herz – in dieser Geste darfst du dich an deine Vollkommenheit erinnern.

·         Wiederhole innerlich (oder auch laut): „Ich bin vollkommen. Alles, was ich brauche, ist in mir.“

·         Bringe deine andere Handfläche oder Fingerspitzen auf die Erde. Dieser Kontaktpunkt darf dich daran erinnern, wie du mit allem und jedem verbunden bist.

·         Wiederhole den Satz: „Ich bin verbunden. Ich bin eins mit allem.“

·         Beobachte, wie dein Atem ganz von alleine ein- und ausfließt, ohne dein Zutun. Dieser Atemfluss darf dich daran erinnern, dass du nichts anderes tun oder bewirken musst, als einfach nur präsent zu sein.

·         Die dritte Affirmation: „Das Leben lebt sich durch mich. Ich brauche nur mitfließen.“

·         Du kannst die drei Aspekte dieser Übung im Wechsel beobachten oder in dich hineinspüren, welcher Aspekt heute mehr Aufmerksamkeit braucht. Welche Affirmation glaubst du nicht so wirklich oder löst Abneigung aus? Versuche, eben diesen Satz öfter zu wiederholen.

 




 

 

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