Wie der Herbst uns das Loslassen lehrt
- Jolijn van Oers

- 1. Okt. 2025
- 3 Min. Lesezeit

Das Leben ist ein kontinuierlicher Kreislauf und immer im Wandel. Damit durchlaufen wir die gleichen Zyklen, die wir auch in der Natur beobachten können. Stetig fließen wir von Wachstum, über Fülle und Gleichgewicht, zu einer Phase des Loslassens und Neuanfang. Doch manchmal fällt es uns schwer, uns diesem natürlichen Flow hinzugeben. Dann gibt es Lebensabschnitte, wo es sich anfühlt, als ob wir feststecken. Vielleicht kommt dein Projekt nicht voran, du hast Angst dich auf eine neue Beziehung einzulassen, oder du musst dich von jemandem oder irgendetwas verabschieden. Vielleicht schleppst du auch alte Unsicherheiten oder Überzeugungen mit, die dich unnötig belasten und verhindern, dass du dich traust, den nächsten Schritt auf deinem Lebensweg zu machen.
Wenn ich erkenne, dass ich mich auf so einer Crossroad befinde, dann schaue ich erstmal in die Natur. Mutter Erde gibt den Rhythmus vor und wenn ich ihr folge, scheint das Leben mit mehr Leichtigkeit zu fließen. Der Herbstanfang ist eine Jahreszeit, wo wir besonders gut den natürlichen Kreislauf des Lebens beobachten können. Es ist die Zeit des Loslassens, Wandel und Transformation. Die Übergangszeit zwischen Sommer und Winter, zwischen Licht und Dunkel, zwischen sommerlicher Fülle und dem besinnlichen Winter.
Erntedankfest
Viele Kulturen, besonders diejenigen, die mehr als wir in Einklang mit der Natur leben, haben schon immer den herbstlichen Übergangszeit gefeiert. So wird das heidnische Fest Mabon zum Beispiel zur Herbstäquinox zelebriert, wenn Tag und Nacht am 23. September genau gleich lang sind. Das Christentum feiert ein wenig später, am ersten Sonntag im Oktober, ihr Erntedankfest. Was diese Feste aber verbindet, ist ein Feiern der Fülle und Natur. Mutter Erde wird gedankt für die vielen Früchte und Gaben, die sie uns geschenkt hat. Auch gibt es Anerkennung für die harte Arbeit, die wir
geleistet haben, um die reiche Ernte zu ermöglichen.
Empfangen heißt loslassen
Nun fragst du dich vielleicht, was das Erntedankfest mit Wandel und Loslassen zu tun hat? Geht es hier nicht um Empfangen und Feiern? Ja, da hast du recht. Aber in der Dualität des Lebens kommen diese Gegensätze immer zu zweit. Du kannst ja nichts Neues empfangen, ohne zugleich die Vergangenheit loszulassen. Auch das schönste Geschenk bringt eine Veränderung von der Ist-Situation hervor: So wie es bisher war, wird es nie mehr sein. So bedeutet auch die reichste Ernte, die wir empfangen, ein Abschied von der Zeit des Wachstums.
Andersrum betrachtet, glaube ich fest daran, dass wir uns das Loslassen erleichtern, wenn wir zuerst einen Schritt zurückgehen, um uns das große Ganze anzusehen und anzunehmen: Wir dürfen den gesamten Lebenskreislauf beobachten und ehren. Wenn wir uns Zeit gönnen zu reflektieren, zu sein mit dem, was ist, können wir völlig und bewusst die Ist-Situation akzeptieren und umarmen. Und erst dann in Dankbarkeit das Alte loslassen.
Ein persönliches Erntedankfest
Zurück zu der Lebenssituation, wo du dich vielleicht vor einer Weggabelung findest. Wo es dir schwer fällt, dich vom Alten zu verabschieden oder den nächsten Schritt voraus zu gehen. Welche Lehren können wir aus der Natur ziehen, damit wir den Wandel besser zulassen können – wie auch die Bäume ihre Blätter ganz unaufgeregt fallen lassen?
Während das Erntedankfest auf den Sommer zurückblickt, darfst auch du dir deiner vergangenen Lebenssaison bewusst werden. Alles was du in letzter Zeit gemacht, gedacht und gelebt hast, hat dich zu diesem Punkt in deinem Leben gebracht. Alle deine Entscheidungen haben deinen Lebensweg geprägt. Sage dir selbst mal Dankeschön und zelebriere deine Arbeit. Vielleicht findest du dann genau in dieser Dankbarkeit die Kraft und das Vertrauen, die es braucht, um jetzt den nächsten Schritt voraus zu gehen.
Visualisierungsübung zum Loslassen: Dein Weg im Herbstwald
Genauso wie im Herbst die Früchte der Erde und die damit verbundenen Arbeiten geehrt werden, können wir diese Jahreszeit auch perfekt nutzen, um die Früchte unserer inneren Arbeit zu feiern. Verabschiede dich vom Sommer und lasse alten Ballast los, für ein unbeschwerte, neue Saison.
Setze dich gemütlich hin, vielleicht auf ein Meditationskissen oder deine Yogamatte, vielleicht aber auch auf die Couch mit einem warmen Tee. Reflektiere anhand der folgenden Fragen und Bilder über deinen Lebensweg.
Stelle dir einen Waldweg im Herbst vor. Der kühle Wind lässt den Baumspitzen sanft schwingen und unter deine Füße rasseln bunte Blätter.
Blicke zurück auf den Weg die du gegangen bist. Wo stehst du im Leben? Welche Ereignisse, Entscheidungen oder Handlungen haben dich zu diesem Punkt geführt?
Gibt es vielleicht eine Situation, eine Person oder bestimmte Gedanken oder Emotionen, wovon du dich aktuell verabschieden möchtest?
Kannst du dir die Situation in greifbarer Form vorstellen? Vielleicht als Totemtier?
Stelle dir vor, wie du und dein Totemtier im Herbstwald vor einer Weggabelung stehen.
Schaue deinem Tier in die Augen. Wie fühlst du dich dabei?
Kannst du ihm gegenüber vielleicht Dankbarkeit spüren? Oder Dankbarkeit für euren gemeinsamen Weg bis hierhin? Sag es ihm.
Umarme dein Tier und stelle dir vor, wie ihr anschließend unterschiedliche Wege geht in den Herbstwald hinein.



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